Jochen Böttcher, Annaberger Straße 2, 01159 Dresden

Dresden, den 1. Juli 2002

Betrifft Ausbau Bergstraße

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister

Kürzlich fand im Hörsaalgebäude der TU-Dresden eine Podiumsdiskussion zum geplanten Ausbau der Bergstraße statt. Dort brachte ich als Zuhörer einige Planungsdetails zur Sprache, durch die nach dem Ausbau Unfallschwerpunkte entstehen werden. Herr Ritscher, der als Vertreter der Stadt anwesend war, empfahl mir, mich an Sie persönlich zu wenden, um noch Änderungen der Planungen erwirken zu können.

Ich bin von den Planungen selber betroffen, da ich an der Universität arbeite und mich somit täglich mit Auto, Fahrrad oder zu Fuß auf der Bergstraße bewege. Im folgenden möchte ich Ihnen also die Problemstellen erläutern. Zeichnungen und Änderungsvorschläge habe ich dem Anhang beigelegt.

Unfallschwerpunkt Rad-Kfz:

Führung der Radfahrer am F.-Förster-Platz unsichtbar für Autofahrer

Problematisch ist vor allem die Führung des Radverkehrs. Diese erfolgt größtenteils als Zweirichtungsradwege über die Fußwege entlang der Bergstraße. Vor den Kreuzungen werden die Radfahrbahnen nicht an die Kfz-Fahrbahn verschwenkt, sondern hinter Mauern, Bushaltestellen und Fußwegbereichen geführt. So wird es Auto- und Radfahrer nicht möglich sein, rechtzeitig vor der Kreuzung Blickkontakt aufzunehmen. In der Folge werden rechtsabbiegende Autofahrer die Radfahrer übersehen und es wird zu Unfällen kommen.

Besonders gefährlich wird diese Situation am Fritz Förster-Platz in Richtung Stadt (Skizze rechts) sowie an der Kreuzung Bergstraße/Nöthnitzer Straße aus Richtung Plauen (im Anhang). Hier gibt es gesonderte Rechtsabbiegespuren zur Beschleunigung des Kfz-Verkehrs. Die Radwege werden zuvor so geführt, dass Radfahrer für Kfz-Führer nicht wahrzunehmen sind (hinter Busspur, Haltestelle, Stützmauer und Fußgängern an der Bergstraße, hinter Bäumen an der Nöthnitzer Straße). Die erste Möglichkeit Radfahrer wahrzunehmen erfolgt erst in der Abbiegespur - viel zu spät!

Dazu kommt ja noch, dass am Fritz Förster-Platz ein großer Fußgängerstrom die Rechtsabbiegerspur kreuzen wird, der die volle Aufmerksamkeit des Autofahrers beanspruchen wird. Aus eigener schmerzlicher Erfahrung weiß ich, dass an solchen Stellen viele Autofahrer nicht mit Radfahrern rechnen, auch wenn es rote Markierungen auf der Fahrbahn gibt. Der einzige Vorteil von Bürgersteigradwegen - längere Grünzeiten an den LSA - wird mit der höheren Wahrscheinlichkeit von schweren Unfällen erkauft.

Die einzige Möglichkeit, die Gefährdung der Radfahrer durch Rechtsabbieger zu verhindern, ist den Radverkehr vor der Kreuzung im Blickfeld der Autofahrer zu führen. Wer gesehen wird, wird nicht umgefahren! Außerdem sollte die Kreuzung der Radfahrbahn durch Rechtsabbieger räumlich getrennt zur Kreuzung der Fußgängerströme stattfinden.

Radfahrer fahren sicherer im Blickfeld der Autofahrer (St. Petersburger Str.)

Gute Beispiele für solche Kreuzungen finden sich z. B. auf der Sankt Petersburger Straße am Abzweig zum Tunnel (Bild rechts) sowie auf der Wiener Straße am Abzweig zur Budapester Straße. Hier fährt der Radfahrer auf Radstreifen links der Kfz-Rechtsabbiegerspur.

Um das Erreichen der Mensa und der Hörsäle mit dem Rad auch entgegen der Fahrtrichtung sicherzustellen, ist es sicherlich sinnvoll, die südlichen Fußwege für Radfahrer freizugeben.

Unfallschwerpunkt Radverkehr Fußverkehr

Die Belastung der Fußwege ist im Bereich der Universität sehr hoch. Bereits die heutigen Bürgersteige sind viel zu schmal, erkennbar an den breiten "Trampelpfaden" neben den Fußwegen. Da die neuen Fußwege nicht wesentlich breiter werden, ist es zu erwarten, dass Fußgänger auf die Fahrbahn der Radfahrer ausweichen. Das ist hier besonders gefährlich, da die Radfahrer nach dem langen Gefälle sehr schnell sind.

Am Fritz-Löffler-Platz sollen die Warteflächen für Fußgänger zwischen Radweg und Fahrbahn angelegt werden. Würde das so gebaut, so würden Fußgänger die (Rad-) Fahrbahn queren, obwohl die LSA Halt befiehlt. Da die Warteflächen viel zu gering dimensioniert wurden, ist es zu erwarten, dass sich Fußgängerpulks auf den Radweg zurückstauen.

Im Anschluss wird der Radverkehr in einer Art Kreisel quer über die Fußgängerflächen des Platzes geführt. Eine bauliche Abgrenzung zum Fußweg scheint nicht vorgesehen.

"Bürgersteigradwege" werden von Fußgängern oft nicht wahrgenommen

Für Radfahrer ist das Verhalten der Fußgänger an solchen Radanlagen sehr schwer einzuschätzen. Fußgänger blinken nicht, halten sich nicht an Fahrbahnmarkierungen, machen keinen Schulterblick und wechseln unverhofft ihre Gehrichtung. Die Radwege werden mehrmals über die Fußwege verschwenkt. Es ist nicht zu erwarten, dass die Fußgänger sich hier vergewissern, dass der Radweg frei ist, bevor sie die (Rad-) Fahrbahn überqueren. Vielmehr werden die Radwege gar nicht bemerkt werden, da sie lediglich durch eine andere Farbe des Pflasters markiert werden sollen.

Auf einem solchen, als Fußweg benutztem Radweg ist kein geordnetes, zügiges Fahren möglich. Entweder wird der Radverkehr durch "menschliche Poller" ausgebremst oder rücksichtslose Radfahrer nehmen sich ihre Vorfahrt, indem sie durch die Fußgänger rasen.

Eine solche Verkehrsanlage bringt eine unnötige Gefährdung der Fußgänger und stellt eine extreme Benachteiligung der Radfahrer gegenüber dem motorisierten Verkehr dar, dessen Fahrbahn vom Fußweg getrennt verläuft.

Ich würde Sie bitten, sich dafür stark zumachen, dass Fußgänger und Radverkehr baulich getrennt geführt werden. Dafür ist unbedingt notwendig, dass zwischen Radfahrbahn und Fußweg Bordsteine vorgesehen werden. Die beste und sicherste Lösung ist wohl die wenigstens teilweise Führung der Radfahrer mittels Radstreifens auf der allgemeinen Fahrbahn.

Problem Fahrbahnbelag:

Weil Fahrräder mit eigener Kraft bewegt werden müssen ist es wichtig, dass die Oberflächengestaltung der Radanlagen kraftsparendes Fahren ermöglicht. Wenig Kraftaufwand heißt höherer Aktionsradius des Fahrrades, damit mehr Attraktivität des Radfahrens und somit weniger Kfz-Verkehr.

Das UPI-Institut aus Heidelberg führte deswegen Energiemessungen bei verschiedenen Oberflächenarten durch. Das Ergebnis: "Radwege mit Betonverbundsteinen erhöhen den Energieverbrauch des Fahrradverkehrs wegen der raueren und unebeneren Oberfläche um 30-40% und reduzieren dadurch die mit dem Fahrrad erschließbare Fläche um 40-50% im Vergleich zum Fahren auf glatten und ebenen Oberflächen."

Für die Radanlagen der Bergstraße ist Betonverbundpflaster als Oberfläche vorgesehen. Das wird zu einer empfindlichen Beeinträchtigung des Fahrradfahrens führen. Im Laufe der Zeit werden sich einzelne Verbundsteine senken, was zu einer weiteren Beeinträchtigung führt.

An den Kanten zur Kfz-Fahrbahn warten Bordsteinkanten auf den Radfahrer, um Reifen und Wirbelsäule zu belasten. Da Fahrräder im Gegensatz zu Kraftfahrzeugen nicht oder kaum gefedert sind, müssen die Radverkehrsanlagen aber erschütterungsfrei befahrbar sein. Die Auffahrten zu Radwegen müssen auf Nullniveau liegen. Das wurde bei den aktuellen Planungen nicht berücksichtigt.

Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass die Radanlagen nach dem Stand der Technik gebaut werden, also mit einer glatten Asphaltfeinbetondecke. Die notwendige Ebenheit sollte durch einen entsprechenden guten Unterbau in Straßenqualität und durch die Ausführung des Radwegs mit einem automatischen Straßenfertiger erreicht werden. Am einfachsten geht das natürlich durch die Führung der Radfahrer mittels Radstreifen auf der allgemeinen Fahrbahn.

Ich habe Ihnen nun umfangreich die gröbsten Mängel, die ich in den Planungen sehe dargestellt. Das Hauptproblem sehe ich in der einseitigen Bevorrechtigung des motorisierten Verkehrs mit 4 bis 8 Fahrspuren, wodurch für Fußgänger und Radverkehr nicht der benötigte Platz zur Verfügung steht. Mir ist allerdings bewusst, dass von der Stadtratsmehrheit die Benachteiligung des Stadt- und umweltverträglichen Verkehrs in Kauf genommen wird, um das Maximum für den Autoverkehr zu erreichen.

Lässt sich auch eine Verringerung der Autospuren nur schwer erreichen, so möchte ich Sie bitten, wenigstens die aufgezeigten Probleme zur Sprache zu bringen und die Planungen noch mal zu überarbeiten. Enttäuscht bin ich darüber, dass zur Bergstraße keine Informationsveranstaltungen im Vorfeld der Planungen angesetzt wurden, wie Sie es im bei der Königsbrücker und Antonstraße getan haben. Gilt Ihr Wahlversprechen für mehr Bürgerbeteiligung nur dann, wenn die Zeit nicht drängt? Eine frühe Einflussnahme betroffener Bürger hätte die Qualität der Planungen und die Akzeptanz der Baumaßnahme bei den Betroffenen erhöht.

Freundlich gegrüßt

 

Jochen Böttcher

wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fakultät für Verkehrswesen an der TU Dresden

Anhang:

Fritz-Förster-Platz

Geplant:

Gefährliche, unkomfortable Führung des Radverkehr wegen fehlender Trennung zum Fußgängerbereich und schlechter Sichtbedingungen

Vorschlag:

Sichere Führung des Radverkehrs im Blickfeld der KfZ-Führer und getrennt vom Fußgängerbereichen

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Trotz extrem hohem Fußgängerverkehrs werden die Radfahrbahnen als Radwege quer über Fußgängerflächen geführt. Warteflächen der Fußgänger befinden sich auf den Radfahrbahnen. Teilweise werden die Fahrbahnen mehrmals über die Fußwege verschwenkt. Eine bauliche Trennung der Fahrbahnen vom Fußweg ist nicht vorgesehen. Gleich mehrere Bordsteine werden Rad und Wirbelsäule der Radfahrer unnötig belasten. Die Verkehrsinsel ist für den zu erwartenden Fußgängerstrom (Uni-Mensa-Bibliothek-Haltestellen) viel zu klein. Rechtzeitiger Blickkontakt zum Kfz-Führer ist an keiner Stelle möglich.

Führung der Radanlagen überwiegend baulich getrennt zum Fußweg. Indirektes Linksabbiegen für Radfahrer.

Damit die George-Bähr-Straße, Mensa und Hörsaalzentrum erreicht werden können, sollte der gesamte südliche Teil des Fritz Förster Platzes für Radfahrer frei gegeben werden

Alternativ zur Führung des Radstreifens links neben der stadtwärtigen Busspur ist auch eine kombinierte Bus- / Radspur und ein für Radfahrer kombinierter / freigegebener Fußweg im Bereich der  Haltestelle denkbar.

Bereich Bergstraße Mensa / Hörsaalzentrum

Geplant:

Führung des Radweges mit zahlreichen Behinderungen und Gefährdungen

Vorschlag:

Trennung des Radverkehrs von den Fußgängerströmen vor allem in den kritischen Bereichen

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Es besteht keine bauliche Trennung von Rad- und Fußgängerbereichen. Es wird nicht verhindert, dass Fußgänger versehentlich den Radweg betreten. Vor allem im Bereich hoher Belastung kreuzen Fußgängerströme ungesichert die Fahrbahn.

Führung des Radverkehrs weitgehend getrennt der Fußgängerströme und im Blickfeld der Autofahrer. Die Fußwege sind trotzdem für Radfahrer freigegeben, um die Erreichbarkeit von Mensa und Hörsälen zu gewährleisten.

Kreuzung Nöthnitzer Str. - Bergstraße

Geplant:

Unnötig gefährliche und unkomfortable Radführung

Vorschlag:

Sichere Führung des Radverkehrs im Blickfeld der Autofahrer

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Radfahrer werden an der gefährlichsten Stelle aus dem Blickfeld der Autofahrer genommen und hinter Bäumen geführt. Erst im Beschleunigungsstreifen stoßen Radfahrer und Autos aufeinander. Zudem verlaufen Bordsteinkanten quer über die Fahrbahnen und die Trennung zum Fußgängerbereich ist mangelhaft.

Wer gesehen wird, wird nicht umgefahren. Führung des Radverkehrs im Blickfeld der Autofahrer, getrennt vom Fußweg und auf glattem Asphalt

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