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Landeshauptstadt Dresden
Dezernat Ordnung und Sicherheit
Abteilung Straßenverkehrsangelegenheiten
Sachgebiet Verkehrsorganisation und Straßenverkehrsrecht
Hamburger Straße 19a
01067 Dresden
Dresden, den 9. September 2001
Getöteter Junge am Radweg der Kesselsdorfer Straße
Sehr geehrte Damen und Herren
Am 18. August dieses Jahres würde auf der Kesselsdorfer Straße ein
radfahrender 10-jähriger Junge von einem rechtsabbiegenden LKW
überrollt. Er überlebte diesen Unfall nicht. Seit dem kennzeichnen
zahlreiche frische Blumen den Unfallort. Viele Dresdner nehmen Anteil an
den Tod des Kindes. (siehe Anhang)
Genau ein Jahr zuvor schrieb ich Ihnen einen
Brief, in dem ich Sie aufforderte, Ihrer Pflicht nachzukommen und den
Benutzungszwang der gefährlichen Radanlagen aufzuheben (laut StVO-Novelle
von 1997).
Anlaß war damals ebenfalls ein schwerer Unfall, an dem ein die
Bünaustraße überquerender Radfahrer von einem Rechtsabbieger übersehen
und überrollt wurde. Nach den Blutflecken zu urteilen, die auf der
Straße verblieben, muss dieser Radfahrer auch schwer verletzt gewesen
sein. Zuvor und seit dem habe ich von weiteren Unfällen gehört
beziehungsweise selber zahlreiche brenzlige Situationen erlebt, an denen
ich mit meinem Rad an der Tür von rechtsabbiegenden Autofahrern klebte.
Glücklicherweise ist es nie zu schlimmen Verletzungen gekommen.
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Der von Ihnen für Radfahrer freigegebene Gehweg
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Seit dem haben Sie nichts getan. Sie hielten es nicht mal für
notwendig auf mein Schreiben zu antworten. Ganz im Gegenteil, statt die
Benutzungspflicht für die Radwege aufzuheben und damit den aktuellen
Stand der Forschung und Gesetzgebung zu entsprechen (siehe
Anhang), haben Sie zusätzlich den Abschnitt Tharandter Straße -
Gröbelstraße für Radfahrer freigegeben, obwohl dieser Bereich nicht mal
für die zahlreichen Fußgänger ausreichend breit ist.
Genau in diesem Abschnitt würde der Junge von dem LKW überfahren, da der
LKW-Fahrer den Radfahrer nicht wahrgenommen hat, als er zuvor auf dem von
Ihnen freigegebenen Bürgersteig fuhr.
Diesen Bereich der Haltestelle Tharandter Straße für Radfahrer
freizugeben halte ich für den gröbsten Fehler, der an der Kesselsdorfer
Straße begangen wurde. Der viel zu schmale Fußweg dient hier
gleichzeitig als Bahn- und Bussteig für eine der wichtigsten
Zentralhaltestellen Dresdens. Hier halten vier Bus und drei
Straßenbahnlinien. Der Andrang an Fahrgästen ist oft so groß, dass man
sich nicht mal als Fußgänger ungestört bewegen kann.
Seit dem sie diesen Bereich für Radfahrer geöffnet haben, zwängen
sich noch mehr Radler zwischen den Passanten hindurch. Dabei sind sie für
die Autofahrer unsichtbar, da für sie die Situation auf dem Fußweg nicht
zu überschauen ist. Zusätzlich fordern Haltestelle und Stau die volle
Konzentration der Fahrer. An der nächsten Kreuzung passiert dann genau
das, was dem Jungen das Leben gekostet hat, die Autofahrer übersehen die
Radfahrer und fahren sie um. Wäre der Junge auf der Straße gefahren,
hätte der LKW-Fahrer ihn gesehen und er würde noch leben.
Ich möchte Ihnen keinen bösen Willen unterstellen. Sicherlich ist es
gut gemeint, wenn sie die Radfahrer auf die Fußwege verbannen. Die
Kesselsdorfer Straße ist stark befahren und oft zugestaut, so dass ein
Fortkommen auf der Straße auch für Radfahrer schwierig ist. Zwischen gut
und gut gemeint besteht in diesem Fall aber ein gewaltiger
Unterschied.
Radfahrer wegen starken Autoverkehr auf unzureichende Radanlagen zu
verweisen, bedeutet ein Spiel mit dem Leben dieser Menschen. Studien
belegen, dass selbst auf guten Radwegen das Unfallrisiko 3,5 bis 12
größer ist, als wenn die Radfahrer die Straße mitbenutzen (siehe
Anhang). Die Anlagen der Kesselsdorfer Straße genügen aber nicht mal
den Mindestanforderungen der StVO, so dass das Risiko enorm höher sein
wird. Radfahrer fahren also wesentlich sicherer auf der Straße, auch wenn
sie dort vielleicht schlechter vorankommen.
Sie sind seit 1998 dazu verpflichtet, Radanlagen mit mangelhafter
Führung, Breite oder Oberfläche von der Benutzungspflicht zu befreien,
weil auf Bundesebene erkannt wurde, dass keine Radwege besser sind als
schlechte! Ähnliche Situationen wie an der Gröbelstraße gibt es an der
Tharandter Straße, der Reisewitzer Straße, der Bünaustraße, an der
Malterstraße und am Ende des Radweges, Höhe Koblenzer Straße. Dazu
kommen Schäden durch Frost, Bauschäden, parkende KfZ und ungeeigneten
Fahrbelag (Betonpflaster bzw. -platten). Die Trennung zum Fußweg ist
durchgehend mangelhaft, oftmals nicht mal optisch wahrnehmbar. So sind
Konflikte zwischen Rad-fahrenden und zu Fuß gehenden an der Tagesordnung.
Zahlreiche Radfahrer lehnen die Benutzung dieser gefährlichen
"Radwege" ab und fahren (derzeit) illegal auf der allgemeinen
Fahrbahn. Dort werden sie vor allem durch Autofahrer gefährdet, denen das
Verständnis fehlt und sich als Polizisten aufspielen indem sie
"ihr" Revier mit Abdrängeln und Hupen verteidigen.
Ich bitte Sie dringend, kurzfristig die gefährliche Situation an
dieser Straße zu mindern, indem Sie einerseits die Freigabe dieses
besonders Gehweges zwischen Tharandter Straße und Gröbelstraße
rückgängig machen und andererseits die Benutzungspflicht der
mangelhaften restlichen Radanlagen aufheben. Ein Schild "Achtung
Radfahrer auf der Fahrbahn" könnte Autofahrer darüber aufklären,
dass der Radweg nicht mehr benutzungspflichtig ist. Das sollte noch vor
der Eröffnung des Bramschtunnels möglich sein.
Zusätzlich ist es nötig, Radfahrer, die von der Nossener Brücke
kommen und auf die Kesselsdorfer Straße wollen rechtzeitig darauf
hinzuweisen, daß sie sich vor der Kreuzung mit der Tharandter Straße in
den fließenden Verkehr einordnen müssen. Das derzeitige abrupte Ende des
Radweges hinter der genannten Kreuzung ist hochgefährlich, da keine
Möglichkeit des "Einfädelns" besteht. Ein guter Platz wäre
auf der Abfahrt von der Nossener Brücke. Dort ist bereits eine
hervorragende Einfädelungsmöglichkeit vorhanden, die wohl ursprünglich
für Autofahrer aus der Öderaner Str. gedacht war, aber derzeit nicht
genutzt wird. Evtl. muß auch eine Anpassung der LSA vorgenommen werden.
Bitte setzen Sie sich bei den mittelfristig geplanten Umbau der
Kesselsdorfer dafür ein, dass künftig Radstreifen angelegt werden, auf
denen der Radfahrer unabhängig vom Gehverkehr und im Blickfeld der
Kfz-Führer sicher radeln kann.
Ihr Zögern hat kürzlich ein Todesopfer gefordert. Ich bereite nun einen
Widerspruch gegen die Radwegbenutzungspflicht der Kesselsdorfer Straße
vor.
Ich habe keine Lust mehr zu warten, bis sich in Ihrer Behörde die
aktuellen Erkenntnisse der Verkehrssicherheit durchsetzen. In der Zeit
können noch mehr Menschen zu Krüppeln gefahren werden oder ihr Leben
lassen. Ich werde diesen Widerspruch bis zum Ende durchfechten, das ist es
mir wert. Kommen Sie dem bitte zuvor!
Entschuldigen Sie meine harten Worte, aber Angesicht des Leids, was
durch solche Unfälle entsteht, halte ich sie für angebracht.
Mit freundlichen Grüßen
Jochen Böttcher
Folgend:
Anhang mit genanntem Zeitungsartikel, sowie Studien, Statistiken und
Pressemitteilung, die das höhere Unfallrisiko auf Radwegen belegen und
anmahnen.
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